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Alltagserlebnisse (AEIOU ++ 2003.6)

"ALL"Tagserlebnisse

hallo ihr lieben!

... anschließen an das, was im letzten AEIUO geschrieben stand, macht wenig sinn, denn sonst müßte ich wieder schreiben, daß mein dach noch immer semipermeabel ist. in der zwischenzeit stehe ich aber schon gar nicht mehr auf in der nacht wenn es regent, in vollem vertrauen, daß schon alles gut gehen wird.

das leben hier ist viel zu schön um sich von derlei kleinen dingen aus der ruhe bringen zu lassen.
nach dem letzten mail haben einige von euch mir mitgeteilt, daß ich von heike nichts berichte und das soll sich diesmal ändern. uns geht es noch immer recht gut und angesichts der nahenden uni-ferien wird auch die räumlich trennung von heike für einige zeit der vergangenheit angehören. in 2 wochen übersiedelt heike für 2 monate nach coca um ihre ferien hier zu verbringen. ich hoffe, daß sich in dieser zeit auch endlich eine kleine tour in den regenwald ausgeht. der ist zwar ziemlich nahe von coca noch sehr unberührt, dennoch ist eine reise dorthin an einem wochenende fast nicht durchzuführen.
... aber zurück zu heike und mir. vorläufig wird heike also 2 monate in coca bleiben. ob es länger wird, hängt von vielen dingen ab. prinzipiell hat sie sich wieder auf der universidad catolica angemeldet für weitere deutschkurse. das einzige kleine problemchen, das es damit im moment noch gibt ist ein arbeitsvisum. horizont3000 hat uns ja geholfen, daß heike auch ein visum bekommt. nach fast 5 monaten haben wir das visum dann erhalten und nun stellt sich heraus, daß heike mit diesem visum nicht arbeiten kann. all die kosten, die wir hatten, waren also umsonst. nun versucht heike das visum auf eigene faust zu ändern, sodaß sie arbeiten kann. die chancen stehen nicht schlecht, vor allem, weil die uni großes interesse daran hat, dass sie weiter arbeitet. ich kann heike gut verstehen, wenn sie auch weiterhin in quito bleiben will. die möglichkeiten in ihrem fachgebiet zu arbeiten sind dort doch bedeutend besser.

was gibt es von der arbeit zu berichten: da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. ich mache kleine schritte. das wäre ja an und für sich sehr gut, denn mit großen schritten würde man mehr unfrieden stiften als ziele erreichen. ...wäre ..., denn leider sind nicht alle schritte vorwärts. fast immer, wenn ich glaube ein paar schritte gemacht zu haben, kommt ein rückschlag und ich weiß oft nicht so genau, wie ich danach weitermachen soll.
ein beispiel: letzte woche habe ich einen kleinen workshop realisiert mit den chefs der abteilung, in der ich arbeite. wir wollten beginnen ein schema zu entwickeln, wie projekte in zukunft partizipativ entwickelt werden können. es ging echt gut und alle waren ehrgeizig dabei schritt für schritt gedanken zu papier zu bringen, wie das schema ausschauen könnte. wir waren gerade dabei, den ersten teil zu einem ende zu bringen, als hektor, der architekt, von dem ich schon das letzte mal berichtet habe, bedenken äußerte. unsere planung hat mit einem (fiktiven) projekt begonnen. dieses projekt nahmen wir aus dem "entwicklungsplan", der vom municipio in den letzten 6 monaten erstellt wurde und in dem unterschiedliche projekte priorisiert wurden, um die bedürfnisse der bewohner zufriedenzustellen. der plan wurde partizipativ erstellt und dient in ecuador auch schon als vorzeigebesipiel. er enthält auch eine verordnung. das bedeutet, daß alle mitarbeiter sich an diesen plan zu halten haben. es gab bisher auch nicht wirklich widerstand dagegen. ich dachte also (und auch die anderen chefs dachten so), daß wir den entwicklungsplan als gegeben und allseits akzeptiert annehmen können. hektor hat nun also diesen plan in frage gestellt. er meinte, daß unser schema nichts taugt, wenn wir den bedarf für ein projekt nicht erst hinterfragen, sondern das umsetzen, was im entwicklungsplan steht. mein chef, oscar, war etwas verwundert, denn das würde den entwicklungsplan ja umwerfen und dazu gibt es zum derzeitigen zeitpunkt absolut keinen grund.
um es kurz zu machen, 3 stunden arbeit in einem intensiven workshop endeten damit, daß oscar hector mit einer kündigung drohen mußte, wenn er den plan nicht akzeptiert, weil er gewissermaßen ein gemeinsamer nenner für die zukunft ist. ich war völlig von der rolle und hab laut darüber nachgedacht, ob es nicht villeicht besser wäre, wenn ich kündigen würde, bevor ein ecuadorianer seinen job verliert. in einem persönlichn gespräch mit oscar wollte ich die situation dann klären, kam allerdings auch nur soweit, daß wir beide unsere bedenken an der konstruktiven mitarbeit von hektor äußern konnten. für mich war diese situation beispielhaft für viele davor. hektor kommt sehr oft am schluß von (scheinbar) konstruktiver arbeit mit bedenken, die an die wurzeln des erarbeiteten gehen. ich nehme diese bedenken immer ernst und versuche darauf einzugehen. wenn ich das aber tue, fühlt sich hektor bestärkt und äußert weitere bedenken, wodurch wir dann meist völlig paralysiert und frustriert auseinandergehen und ich danach erkennen muß, daß ich wieder einen schritt rückwärts gemacht habe. zum glück sind oscar und rosendo, der dritte "chef" in der abteilung aber sehr offen und versuchen, das, was wir erarbeitet haben auch umzusetzen. sie lassen sich durch hektor viel weniger irritieren als ich. oscar gab mir auch schon den rat hector zu ignorieren, wenn er derart destruktiv ist. mal sehen, ob es mir gelingt.

all diese schwierigkeiten spielen sich im bereich kultur-tradition-gewohnheiten ab.
warum? hector hat mir einmal gesagt, daß ich die kultur der leute nicht ändern kann. das wollte ich auch nie .... ganz im gegenteil, die kultur der andinen völker (und die meisten hier gehören dieser gruppe an, obwohl sie im amazonas-gebiet arbeiten) bewundere und respektiere ich ohne kompromiss. was hier aber oft verwechselt wird ist KULTUR und GEWOHNHEITEN. vieles, was hier als kulturell begründet wird, sind einfache gewohnheiten und oft auch schlechte. ich hab bereits einmal versucht, das mit meinen mitarbeitern durchzudiskutieren. es gab großes einverständnis ..... das muß einen aber immer aufmerksam machen, denn wenn alle einer meinung sind, dann bedeutet das nichts gutes. es bedeutet viel mehr, daß einige einfach zustimmen, um etwas zu beenden, aber in wirklichkeit gar nicht einer meinung sind.
beim nächsten gespräch kam es dann auch gleich wieder .... das ist eben unsere kultur .... in diesem fall ein problem zu lösen indem man es einfach übergeht. .... da stoßé ich schon manchmal an meine grenzen. hier verschwimmen begriffe, was ich als gefährlich betrachte, weil man nicht mehr so klar weiß, wovon die rede ist.

das geht so weit .... oder vielleicht geht das jetzt in diesem mail schon zuweit .... daß man über wörter streiten muß und ich immer wieder im zwiespalt bin, ob es vielleicht daran liegt, daß ich wörter anders verstehe, weil ich die sprache nicht perfekt beherrsche. meist erklären mir dann aber andere kollege bei rückfrage, daß ich durchaus richtig liege mit meinen worten.

wie einige von euch wissen, diskutiere ich ja gerne .... aber achtung:
discutir im spanischen bedeutet streiten. hier sagt man hablar (sprechen) auch wenn man diskutiert .... :-)

so,.... war diesmal für alle etwas dabei, wünsche, beschwerden, anregungen bitte an die bekannte adresse. sie werden bestimmt beim nächsten mal berücksichtigt.

allen einen schönen sommerbeginn (jetzt haben die in österrreich ja auch schon die temperaturen, die ich tag und nacht genießen darf) und .....

roland

© DIeRDe


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