|
Symbol der Madres de la Plaza
de Mayo
|
Am vergangenen Sonntag (22. Oktober 2006) fand auf der Plaza de Mayo die Abschlusskundgebung der Kampagne "Gracias Abuelas" (Danke Großmütter) statt. Zu feiern gab es 30 Jahre Engagement für die verschwundenen Kinder der Diktaturen von 1976 - 1983. Ein beeindruckend sentimentales Schauspiel von Emotionen und Danksagungen. Ich habe mir danach vorgenommen in meinen Reisetagebüchern auch ein wenig Geschichte zu den Geschichten hinzuzufügen. Teil 1 also über die Abuelas y Madres de la Plaza de Mayo.
Nach fast 30 Jahren und mehr als 1500 Demonstrationen hat ein Teil der Madres de Plaza de Mayo (Mütter der Plaza de Mayo) nach der Demonstration am 26. Jänner 2006 beschlossen, die Donnerstagsdemonstrationen auf der Plaza de Mayo zu beenden. Der Grund dafür ist, dass die derzeitige Justiz zum ersten Mal nach den Diktaturen von 1976 - 1983 glaubwürdig ist. Die Aktivitäten der Vereinigung gehen natürlich weiter, allerdings ohne die wöchentliche Präsenz vor dem Sitz des Präsidenten.
.... gehen wir doch einen Schritt zurück. Worum geht es eigentlich? (Für alle, die bereits mehr über die Geschichte Argentiniens wissen, mag hier wenig Neues kommen, für alle, denen das hier Geschriebene zu wenig ist, gibt es am Ende Links zum Weiterforschen).
Im Jahre 1976 gab es in Argentinien einen Militärputsch und es begann eine Phase, die die, die an der Macht waren, ironischer Weise "Nationalen Reorganisatiosprozess" nannten, andere (wohl richtiger) die Zeit des "Schmutzigen Krieges" (Guerra Sucia). Die Zeit war geprägt vom Verschwinden von bis zu 30.000 Personen, die dem Regime nicht genehm waren. Unter ihnen warn viele junge Menschen und im Besonderen auch schwangere Frauen. Schon bald bildete sich massiver Widerstand gegen die Praxis des "Verschwinden-Lassens".
|

Los "Chicos de Hugo Midón" cantan
fragmentos de la obra "Los Derechos
Torcidos" (Quelle: www.abuelas.or.ar)
|
Die Mütter der Verschwundenen begannen sich zu organsieren und am 10. April 1977 kam es zu einer ersten kleinen Demonstration auf der Plaza de Mayo vor dem Sitz des Machthabers in der Casa Rosada. Die Mütter gingen einfach schweigend im Kreis und machten so schon bald weit über die Grenzen Argentiniens hinaus auf die Situation in ihrem Heimatland aufmerksam. Besondere Aufmerksamkeit wurde ihnen 1978 bei der Fußball-Weltmeisterschaft zu teil (wir Österreicher erinnern uns mit Freuden an diese Weltmeisterschaft - ich sage nur Córdoba 1978, Österreich gewinnt gegen Deutschland durch ein Tor von Hans Krankl). Viele der Verschwundenen waren junge werdende Mütter. Sie wurden bis zur Geburt ihrer Kinder gefangengehalten, gefoltert und misshandelt und nach der Geburt auf teils bestialische Art und Weise umgebracht. Von vielen dieser Personen fehlt jegliche Spur, da sie zum Teil aus großer Höhe bei lebendigem Leib aus Flugzeugen in den Rio de la Plata, die Bucht zwischen Buenos Aires und Montevideo, gestürzt wurden. Die Mütter dieser Frauen begaben sich auf die Suche nach ihren Enkelkindern und organisierten sich als Großmütter der Plaza de Mayo (Abuelas de Plaza de Mayo), eng verbunden mit den Madres de Plaza de Mayo im Kampf gegen ein schwer zu begreifendes Unrecht. Schon bald wurde bekannt, dass die Neugeborenen der Entführten an den militärischen Machthabern nahestehende Familien weitergegeben wurden. Häufig Familien, die selbst keine Kinder bekommen konnten. Details blieben aber im Dunkeln.
Zu Ende der Diktatur 1983, schöpften die Madres und Abuelas neue Hoffnung. Viele der früheren Machthaber wurden verurteilt und mehr und mehr Details über das Ausmaß ihrer Verbrechen wurden bekannt. Schon bald aber sollte sich die politische Richtung wieder ändern. Unter den Tausenden Verschwundenen befand sich eine ganze Generation politisch aktiver und engagierter Menschen, die sich gegen die Diktatur erhoben haben. Die "neue" politische Elite nach 1983 war zwar demokratisch legitimiert und auch orientiert, aber ihr Interesse an einer lückenlosen Aufklärung der Verbrechen in den 7 Jahren der Diktatur war ein begrenztes. Schon bald galt die Devise "Vergeben". Es wurden breite Amnestiegesetze erlassen und viele der bereits Verurteilten wieder auf freien Fuss gesetzt. Besonders der auch jetzt noch aktive ehemalige Präsident Carlos Menem hat sich in puncto Amnestie einen Namen gemacht, indem er bereits 1990, 1 Jahre nach Amtsübernahme, den ehemaligen Diktator Jorge Rafael Videla begnadigte. Er stellte auch die Weichen für weitreichende Gesetze, die der Verfolgung der Verbrechen in der Zeit der Diktaturen ein Ende setzen sollten. Einzig die Entführungen von schwangeren Frauen wurde nie straffrei gestellt und so ging die Suche der Abuelas nach den zu diesem Zeitpunkt bereits jungen Menschen oder gar Erwachsenen, die ihre Enkel waren, weiter.
 |
Bis heute war sie in 85 Fällen erfolgreich. Ingesamt wird angenommen, dass 500 schwangere Frauen entführt wurden. Die Identität ihrer Kinder wird heute mittels DNA-Test zweifelsfrei fetsgestellt. Die aktuelle Regierung von Nestor Kirchner (seit 2003 Präsident) ist die Erste, die die Nachforschungen aktiv unterstützt und die beteiligten Familien, die meist genau wussten, wo ihre "adoptierten" Kinder herkamen, nicht einfach straffrei entkommen lässt. Für alle diejenige, die etwas zu einzelnen Fällen wissen wollen, gibt es am Ende auch einen Link zu den Geschichten vieler der 85 bisher gefundenen Kinder.
Um das ganze nicht allzulange werden zu lassen, versuche ich auch schon zu einem Ende zu kommen. Eines kann ich mir aber nicht verbeißen: einen kleinen Seitenhieb auf unsere ach so christliche katholische Kirche. Diktaturen stehen ja nicht selten in sehr engem Kontakt zu Kirche und Glauben. So waren auch die Diktaturen in Argentinien durchaus darauf bedacht nicht in die Hölle zu kommen (!!). Dazu brauchten sie natürlich den Segen der Katholischen Kirche im Land. Bei den zahlreichen Ermordungen war dieser besonders schwierig zu bekommen. Daher musste man sich sehr "subtile" Methoden überlegen. Eine dieser Methoden war der Absturz aus einem Flugzeug bei lebendigem Leibe (wie bereits oben erwähnt). Der gewaltsame Tod konnte so nicht direkt festgestellt werden. Damit war der Segen der Kirche gesichert. Ich bekomme dabei eine Gänsehaut und frage mich, wie viel Sarkasmus Glauben eigentlich erlaubt, oder sollte ich umgekehrt sagen, wie viel Glauben Sarkasmus benötigt?
Jetzt noch ein paar Links zum Thema:
Die Organisationen haben beide eine eigene Website:
www.abuelas.org.ar
www.madres.org
www.madresfundadoras.org.ar
Die Abuelas geben auch eine monatliche Zeitschrift heraus, hier online zu lesen (allerdings auf spanisch)
umfassende information gibt es auch bei www.wikipedia.org wenn man nach den Begriffen "Madres de la Plaza de Mayo" oder "Abuelas de la Plaza de Mayo" sucht - freilich die meiste Information in Spanisch, aber auch auf Englisch ist sie sehr umfassend. Einzig die deutsche Info ist etwas mager (naja, vielleicht eine Aufgabe für mich :-)
So, beim nächsten Mal gibt es wieder mehr Informationen von uns und Gschichtl. Vielleicht sind dann auch schon ein paar Fotos Online.
lg
roland
Aufgerufen: 1369
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben. Derzeit ist eine Anmeldung nur durch direkten Kontakt zum Admin möglich. Powered by AkoComment Tweaked v.1.4.6 All right reserved |